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Philipp Cielen's Blog über ColdFusion, Flash und die Kunst, seine Jugend mit Technikgefrickel zu verschwenden.

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22. Juli 2005

Es ist hip, es ist trendy - jeder ordentliche Nerd der etwas auf sich hält sollte mindestens noch eine Handvoll Gmail-Invites für seine Freunde bereit halten. Auch wenn sich der Hype rund um Google's neuen Freemail-Service mittlerweile etwas gelegt hat, ist Gmail (kurz für Google Mail) immer noch schwer im kommen - und dabei ist es noch immer in der Beta-Phase.
Hat man sich einmal die wunderbare welt des AJAX (Asynchronous JavaScript and XML) erschlossen, ist technisch gesehen der Reiz des ganzen relativ schnell verflogen. Google bietet außer der spartanischen-, aber schnellen Benutzeroberfläche derzeit 2GB (Ja, GigaByte!) Speicherplatz für e-mails und verlangt im Gegenzug nur die Einwilligung zur Speicherung und Verarbeitung sämtlicher eingehender e-mails durch Google's Suchmaschinen.
Immerhin muß man Google zugute halten, daß sie offen aussprechen was sie tun. Sämtlicher Mailverkehr wird gespidert und nach Keywords untersucht. Dementsprechend kann Google zur jeweils empfangenen Mail thematisch naheliegende Werbung einblenden.

Wohin diese Datenspeicherung führt, zeigt die Website www.gmail-is-too-creepy.com sehr anschaulich auf. Allein die Speicherung persönlicher e-mail Daten über Jahre hinweg ist nicht unproblematisch. Google regt zu dieser Speicherung an, indem es eine direkte Löschfunktion für e-mails gar nicht erst zur Verfügung stellt, sondern nicht mehr benötigte Mails automatisch archiviert. Nur über die Suchfunktion können mails später über das Archiv gefunden, gelöscht, und dann aus dem Papierkorb endgültig gelöscht werden. Der brisante Hintergrund dabei: in den USA dürfen persönliche e-mails nur per richterlichen Beschluss eingesehen werden. Sind diese aber über 180 Tage alt, reicht ein einfacher Antrag staatlicher Verfolgungsbehörden aus, um eine Kopie der entsprechenden Daten zu erhalten. Interessant ist in dem Zusammenhang auch die Frage, welche Regierungen Zugriff auf Googles über den ganzen Erdball verstreute Server haben und welche Gesetze zum Schutz der Privatsphäre jeweils zur Anwendung kommen.

Google blendet beim Lesen von e-mail personalisierte, kontextabhängige Werbung ein. Wer also öfter mit seiner Freundin über Beziehungsprobleme mailt kann so identifiziert und mit entsprechender Werbung (Viagra, Erotik, etc.) beglückt werden.
Wie unpassend diese "relevante" Einblendwerbung oft ist, zeigt sich vor allem, wenn man herausfindet, daß geschäftliche e-mails beim Empfänger von Google mit Werbung der Konkurrenz angereichert werden.

Das zeigt auch ein weiteres Problem bei der massenhaften Speicherung von e-mails auf: als Absender einer Mail an ein Konto bei Google und Konsorten wird man nicht gefragt, ob man einwilligt, daß die eigenen Maildaten gespeichert und ausgewertet werden. Je mehr Personen also  ihre e-mail über Google empfangen, desto mehr wird auch der persönliche Mailverkehr Dritter mitgeschnitten - von Mailinglisten ganz zu schweigen.

Die Überwachungsmöglichkeiten, die durch Einsatz und Kombination der verschiedenen Google-Dienste entstehen sind fast grenzenlos. So ist es technisch problemlos möglich, innerhalb weniger Sekunden automatisiert ein komplettes Profil über einen bei Gmail registrierten Benutzer zu erstellen. Etwa eine Liste der Kontakte einer Person inklusive der durchschnittlichen Kommunikationsrate und oft verwendeter Schlüsselworte zu erstellen sowie von welchen Anschlüssen aus kommuniziert wurde. Anreichern könnte man das Ganze mit Beiträgen in öffentlichen Foren sortiert nach Interessensgebieten (über Google Groups) und natürlich mit allen möglichen anderen Daten die man auch sonst so über eine Person ergooglen kann. Abgerundet wird das ganze durch ein zentimetergenaues Luftbild des Wohnorts (Google hat 2004 die CIA-finanzierte Firma Keyhole aufgekauft). Das ganze funktioniert nicht nur in Englisch sondern in allen Sprachen die Google automatisch übersetzen kann.
Unterstellt man Google, daß sie inoffiziell auch Daten nutzen, die sie offiziell eigentlich nicht speichern, so ist es zusätzlich möglich, Suchbegriffe der betreffenden Person herauszufinden, die in Google oder über die Google Toolbar eingegeben wurden und sogar besuchte Websites nachzuvollziehen. Eine Hintertür in der Google Desktop Suchmaschine, die alle Dateien auf dem privaten Rechner indiziert, wäre das Tüpfelchen auf dem i.

Die totale Überwachung des weltweiten e-mail und Kommunikationsverkehrs (insbesondere auch der Wirtschaft) durch Geheimdienste ist nichts neues. Neu ist nur, daß mittlerweile auch Konzerne der privaten Wirtschaft ähnliche Möglichkeiten in die Hand bekommen. Nie zuvor war es einem Unternehmen legal möglich, massenhaft private, persönliche Kommunikation legal abzuhören, zu analysieren und aus den gewonnenen Daten Profile zu erstellen.
Heute investieren "Marktforschungsunternehmen" immense Summen um auch nur annähernd detaillierte Kundenprofile zu erstellen. Die gewonnenen Profile werden gewinnbringend an die Werbebranche und andere Interessenten weiterveräußert. Doch ist die Information, über welche Themen sich eine Person in privaten e-mails austauscht ungleich wertvoller und vor allem aktueller als jede freiwillige Angabe auf irgendeinem Fragebogen.

Da das Problem eben nicht nur darin liegt, daß einige unreflektierte Zeitgenossen ihre Privatsphäre freiwillig auf dem Altar der Bequemlichkeit opfern, sondern daß alle am Mailverkehr mit einem solchen Individuum Beteiligten von Google in den Index aufgenommen werden würde ich stark in Frage stellen, ob Gmail überhaupt mit deutschen Datenschutzbestimmungen vereinbar ist.

Kommentare

deswegen zahl ich lieber meinem Provider etwa 50 Euro im Jahr für, ich glaube 2GB IMAP Ordner und 2 GB WebDev Laufwerk.

Da habe ich notfall auch Face2Face Support.


Genau deswegen nutze ich meinen gmail Account nur für das wo es sich wirklich lohnt: als privates, schnell durchsuchbares Archiv für Mailinglisten (wie cftalk, cfug Listen usw.) - für "echte" persönliche private sowie geschäftliche Mails habe ich GMail noch nie benutzt - und werde es jetzt erst recht nicht mehr tun.


Nachtrag: Google speichert inzwischen auch offiziell persönliche Suchhistorie und -Profile und wertet diese aus: http://www.computerwoche.de/index.cfm?pageid=254&artid=77521&linktype=nl


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